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Zu Gast im Wohnzimmer der heimischen Wildtiere

Die Liebe zu Tieren und zur Natur wurde Otto Haitzmann am elterlichen Bauernhof in Weißbach praktisch in die Wiege gelegt. Er half tatkräftig in der Landwirtschaft mit und arbeitete einige Jahre auch als Senner auf der Kallbrunnalm.

Warum wird das Wild im Winter eigentlich gefüttert?

Ohne Fütterung hätten die Rehe und Hirsche im Winter keine Überlebenschance, weil sie in unserer schneereichen Region zu wenig Futter finden. Sie fangen aus Hunger dann sogar an die Rinde von den Bäumen zu fressen. Damit zerstören sie den Wald, überleben können sie aber trotzdem nicht. Durch die Schäden an den Bäumen entstehen nicht nur Verluste für Grund- oder Waldbesitzer, es steigt auch die Gefahr von Muren. Um das zu vermeiden, wird das Wild gefüttert. Das ist ziemlich aufwändig. Allein ein Hirsch braucht immerhin gut fünf Kilo Heu am Tag. In meinem Revier habe ich rund 100 Tiere betreut. Man kennt ja seinen Bestand, es kommen zwar nicht alle Tiere täglich, aber in einem schneereichen Winter kann man davon ausgehen, dass sie regelmäßig vorbeischauen.

Aber wie haben die Tiere dann früher den Winter überlebt?

Früher ist das Wild im Winter ins Flachland ausgewichen, wo nicht so viel Schnee lag. Die Tiere sind bis zu 200 Kilometer gewandert, haben dort quasi überwintert und sind dann im Frühjahr wieder in ihr Stammrevier zurückgekehrt. Das ist heute nicht mehr möglich, weil jetzt alles verbaut ist. Das Wild sitzt praktisch fest. Deshalb müssen wir den Tieren im Winter helfen.

Hält das Wild denn keinen Winterschlaf?

Nein, aber die Tiere fahren ihren Stoffwechsel völlig herunter. Die Herzfrequenz sinkt auf rund 20 Schläge pro Minute, das ist ein ähnlicher Zustand wie ein Winterschlaf. Wenn die Tiere durch Menschen aufgeschreckt werden, verbrauchen sie daher sehr viel Energie für die Flucht und sind meistens verloren, weil das zuviel Kraft kostet. Dafür reicht bereits eine einzige Person, die in ihr Revier eindringt und sie beunruhigt. Dieses Wild hat dann trotz Fütterung keine Chance. Es kann nicht überleben. Es ist mir daher ein großes Anliegen, dass die Menschen wissen, wie sich ihr Verhalten auf die Tierwelt auswirkt

Otto, welche Aufgaben hat denn ein Berufsjäger überhaupt?

Früher musste ein Berufsjäger vor allem sein Revier vor den Wilderern verteidigen. Inzwischen hat sich das Berufsbild aber total geändert. Heute ist es vor allem notwendig, den Wildbestand des Reviers zu pflegen und zu regulieren. Das Wild gehört zu unserer Kulturlandschaft und ist genauso wichtig, wie die Bienen für die Blumen. Ein Jäger muss auch dafür sorgen, dass der Bestand nicht zu hoch ist, weil das dem Wald schaden würde. Ein Wald muss nachhaltig bewirtschaftet werden, das gilt für Bäume, die entnommen werden müssen ebenso wie für das Wild. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit war die Fütterung der Tiere im Winter. Rehe und Hirsche sind sehr scheue Tiere, aber mich haben sie gekannt und akzeptiert. Während der Fütterung habe ich immer mit ihnen gesprochen und Vertrauen zu ihnen aufgebaut. Man muss schon ein Gespür für sie haben und sich in sie hineindenken, das sind ja sehr intelligente Lebewesen. Sie haben gewusst, dass ich ihren Lebensraum achte.

Wie können wir die Natur nutzen, ohne die Tiere zu stressen?

Am wichtigsten ist, dass Schneeschuhwanderer, Tourengeher, aber auch Skifahren nur markierte Pisten und gekennzeichnete Wege benutzen. Es gibt so viele schöne Plätze und Wanderwege bei uns, da ist es nicht notwendig, abseits dieser unterwegs zu sein. Für viele Leute ist es schwer zu glauben, aber auf Skipisten und den damit verbundenen Lärm haben sich die Tiere eingestellt, daran sind sie inzwischen gewöhnt und wissen, da passiert ihnen nichts. Aber wenn Variantenfahrer von der Piste abweichen und eigene Routen fahren ist das eine Katastrophe für das Wild. Das kann man gar nicht oft genug betonen. Ich habe in meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Berufsjäger

beobachtet, dass es den scheuen Tieren nichts ausmacht wenn Menschen im Wald unterwegs sind, solange sie am Weg bleiben. Wanderer können sogar laut schreien, das stört die Tiere nicht. Im Gegenteil es ist ihnen sogar lieber, denn dann wissen sie, wo der Mensch ist. Darum ist es auch besser als Gruppe unterwegs zu sein. So ist der „Feind“ berechenbar, aber wenn sich jemand 20 Meter abseits des Weges aufhält, macht sie das nervös. Natürlich müssen auch die Ruhezeiten des Wildes berücksichtigt werden, deshalb soll man auf keinen Fall in der Nacht unterwegs sein. Nur das garantiert ein stressfreies Miteinander zwischen Mensch und Tier. Da wir den Lebensraum der heimischen Wildtiere immer mehr einschränken, ist es wichtig, ihnen letzte Rückzugsorte zu gewähren. Wer sich im Wald aufhält, befindet sich im Wohnzimmer der Tiere und soll sich dessen auch bewusst sein.

Wie reagieren Personen, die du auf ihr Fehlverhalten ansprichst?

Im Großen und Ganzen sind die Leute sehr einsichtig, wenn man sie auf Probleme hinweist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen sehr verständnisvoll sind, wenn man sie entsprechend aufklärt. Meistens sind sie dann auch bereit umzudrehen, oder auf markierte Wege zurückzukehren. Es gibt natürlich immer schwarze Schafe, aber die gibt es leider auch unter den Jägern.

Gibt es besondere Erlebnisse, die du im Wald gemacht hast?

Da fällt mir spontan etwas ein, was ich heute noch manchmal gefragt werde und mich immer zum Schmunzeln bringt. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, komme ich oft mit Wanderern ins Gespräch. Da ich durch meine Ausrüstung ja als Jäger erkennbar bin, wollen viele tatsächlich wissen, ob ich ihnen ein Nest mit Gämseneiern zeigen könnte. Diese Vorstellung kommt von humoristischen Postkarten, die Motive mit Gämsennestern und Eiern haben, die angeblich von der Gams ausgebrütet werden. Manche scheinen so etwas tatsächlich zu glauben. Die Tiere haben ja fast so einen mythischen Status wie das Edelweiß, weil es so viele Legenden über sie gibt und man sie selten zu sehen bekommt.

Wie hat dich dein (Traum-) Beruf geprägt?

Ich habe eine sehr starke Verbundenheit mit der Natur entwickelt, die ich auch meiner Frau und meinen Kindern vermittelt habe. Bei jedem Wind und Wetter war ich draußen und habe meist rund drei Monate des Jahres auf den Hütten meiner Reviere verbracht. Die Familie hatte dafür glücklicherweise Verständnis, und wenn möglich haben sie mich auch immer wieder begleitet. Es gibt einfach nichts Schöneres, als völlig im Einklang mit der Natur zu leben und Tiere im Wald aus nächster Nähe kennen zu lernen. Vielen Dank für das Interview und den spannenden Einblick in die Welt der heimischen Wildtiere.

„Respektiere deine Grenzen“

ist eine Initiative des Landes Salzburg, die einen konfliktfreien Umgang mit der Natur und wild lebenden Tieren fördern will. Die Aufklärungskampagne soll dazu beitragen, Einheimische und Gäste für das Thema zu sensibilisieren und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche Auswirkungen respektloses Verhalten auf die Natur hat. Die Initiatoren aus Tourismus, Naturschutz, Jägerschaft und Politik gehen davon aus, dass viele Verursacher von Problemen sich der Tragweite ihres Handelns gar nicht bewusst sind. Mit Hilfe von Foldern und Hinweisschildern wird daher auf die Gefahren für das Wild hingewiesen. Infotafeln im Wald erklären, wie man sich richtig verhält, um Wild und Wald zu schützen.
respektieredeinegrenzen.at

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