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Schichtwechsel auf 2.119 Metern

Neuer Hüttenwirt am Ingolstädter Haus

Ein Rückblick auf neun ereignisreiche Sommer. Nach beinahe einem Jahrzehnt übergab Familie Senninger im Herbst 2021 den Hüttenschlüssel des Ingolstädter Hauses im Steinernen Meer direkt an der Grenze zum Naturpark Weißbach an ihren Nachfolger Michael Millinger.

„A schene Zeit war´s“, sind sich die Senningers einig. Gemeinsam als Familie – Rudi und Resi Senninger erhielten über all die Jahre tatkräftige Unterstützung von ihren Kindern Stefanie und Bernhard– traten sie im Frühsommer 2013 die Pacht auf der DAV Schutzhütte der Kategorie I an. Doch der Start war alles andere als „a g´mahde Wies´n“, wie sich Resi lachend erinnert. Denn das Ehepaar hatte keine Gastronomieerfahrung, als es die große Hütte mit Schlafkapazität für über hundert Bergsteiger übernahm.

Ganz schön einfach, aber einfach schön.

„Eigentlich waren wir zu der Zeit noch Metzger. Doch unser Betrieb wurde zu groß und die Arbeit zu bürokratisch. Wir sind beide keine Büromenschen, sondern Handwerker – wir wollten was bewegen. Als Rudi also von der Pächtersuche am Ingolstädter Haus las, entschieden wir spontan, dass das unsere neue Herausforderung sei“, erzählt Resi am Stammtisch des Hotels Neuwirt in Lofer, der neuen Wirkungsstätte der Familie. Eigentlich waren Rudi und Resi auch keine großen Wanderer, dazu ließ der Betrieb der Metzgerei einfach keine Zeit – und das Ingolstädter Haus kannten sie bis dahin nur von Fotos. Also schnürten sie kurzerhand die Bergschuhe und wanderten erstmals hinauf ins Steinerne Meer, um auf dem Ingolstädter Haus zu übernachten. Der erste Eindruck war überwältigend: „Ganz schön abgelegen, ganz schön groß, ganz schön einfach – aber einfach wunderschön.“ Ihr Entschluss kam nicht ins Wanken und auf die Frage, ob sie denn Angst gehabt hätten, ihre Komfortzone im Tal zu verlassen, lacht Resi und meint: „Eine Komfortzone hatten wir auch im Tal nicht. Wir sind beide Bauernkinder und an viel und harte Arbeit gewöhnt. Im Gegenteil, wir freuten uns darauf, alle gemeinsam auf der Hütte neu durchzustarten. Unsere Tochter Stefanie war gerade mit der Kochlehre fertig und auch Bernhard kam bald aus der Schule. Doch die fehlende Erfahrung in der Bewirtung, ohne eigenes Trinkwasser und so exponiert unter dem Großen Hundstod – das verunsicherte uns doch ein wenig.“

Fit fürs Hüttenleben

Unter 25 Bewerbern wurden die Senningers als neue Hüttenpächter verkündet und als Vorbereitung für die erste Saison machte man sich fit fürs Hüttenleben: Resi besuchte die Hüttenwirte-Fachtagung, vernetzte sich mit anderen Wirten und besuchte einige Vorträge. Rudi bereitete sich auf die technischen Herausforderungen als Hüttenwirt vor. Gemeinsam  begleiteten sie den Vorpächter beim letzten Zusperren der Hütte und lernten in wenigen Tagen die technischen Herausforderungen kennen. Die Wasserversorgung ist sehr mühsam, da es keine Quellen auf dieser Höhe gibt. Die Hütte wird rein durch das Schmelzwasser vom Großen Hundstod versorgt. Ein Stromaggregat liefert die Energie und auch der Müll muss auf 2.119 m Seehöhe gesammelt, komprimiert und zu Tal gebracht werden. Unterstützung erhielten die Senningers schon während der Vorbereitung vom Haus- und Hof-Installateur „Zualechner Schurl“, der die Hütte und die alpine Umgebung wie seine Westentasche kennt.

Aufsperren mit Hindernissen

Am 1. Juni 2013 waren dann alle vorbereitet und voller Aufregung startklar fürs Eröffnungswochenende. Und das kündigte sich mit heftigen Regenfällen und Wintereinbruch am Berg an. Rudi und Resi waren bereits auf der Hütte, als das Jahrhunderthochwasser über den Pinzgau hereinbrach. Schnell eilte Rudi ins Tal, musste er doch nebenbei noch den Metzgereibetrieb führen. Bald vom Wasser im Tal von der Außenwelt abgeschnitten, blieb Resi mit Hündin Kira allein am Berg. Drei Wochen lang. Resi genoss diese Zeit: „Für mich ein gemütlicher Einstieg. Ich holte die Nähmaschine hervor und nähte neue Vorhänge, lernte, wie man die Schneefräse bedient und versorgte zwei verirrte Bergsteiger, die im Nebel und Schnee auf der Hütte gestrandet waren.“ Nach diesem abenteuerlichen Start ging es am Sonnenwend-Wochenende dann richtig los und die Hütten-Neulinge kamen Schritt für Schritt im Hüttenwirt-Leben an. Im ersten Sommer wurden viele Erfahrungen  gesammelt, wie Resi bekennt: „Für 100 Gäste da zu sein und zu kochen war eine ungewohnte Dimension, in die wir erst hineinwachsen mussten. Rudi war meine Verbindung ins Tal, wenn etwas ausging, da er im ersten Jahr noch in der Metzgerei gebraucht wurde und nur am Wochenende auf die Hütte kam. Große Nachlieferungen wurden mit der Materialseilbahn nach oben gebracht – ein mühsames Unterfangen, da vom Geschäft bis ins Hütten-Lager zigmal umgeladen werden musste. Lieferungen waren also nicht nur sehr zeit-, sondern auch sehr kraftaufwändig. Später entschieden wir uns für die Versorgung mit dem Helikopter, der bis zu drei Mal im Sommer rund 12 Tonnen Grundnahrungsmittel und Getränke zur Hütte flog.“

Seppl, Maxl & Helga – tierische Sommergäste

Neben Hündin Kira tummelten sich im Sommer auch um die 200 Schafe rund ums Ingolstädter Haus. „Die Schafhirten bewohnen unweit des Ingolstädter Hauses ihre Almhütten und kamen oft auf Besuch. Sie sind über die Jahre zu guten Freunden geworden. Eines Tages wurde uns ein neugeborenes Lamm gebracht, dessen Mutter bei der Geburt verstorben war. Wir zogen das Lamm ,Seppl‘ also mit der Flasche auf und er lief wie ein kleiner Hund in der Hütte hinter uns her. Er war der Liebling der Hüttengäste und genoss sichtlich die gern verabreichten Streicheleinheiten. Nach dem für ihn sicher abenteuerlichen Bergsommer ging er im Herbst mit uns zu Fuß hinunter ins Tal, wo er auf einem Bauernhof sein neues Zuhause fand.“

Nicht alle Hütten-Tiere schafften es jedoch durch den Sommer, wie Rudi berichtet: „Zu meinem Geburtstag bekam ich zwei Hasen geschenkt – Max und Moritz. Es dauerte aber leider nicht lange und Moritz wurde vom ,Hausfuchs‘, der Nacht für Nacht um die Hütte strich, gefressen. Maxl war wohl cleverer und überlebte den Sommer.“

Taube Helga war wohl der skurrilste Sommergast. Sie lag eines Tages im Spätsommer völlig ermattet vor der Hütte. Durch die Kennzeichnung am Fuß wussten die Wirte, dass es sich um eine Brieftaube handelt und konnten so die Besitzer in Ostdeutschland ausfindig machen. Resi und Rudi nahmen sich ihrer an und stellten fest, dass ein Flügel verletzt war. Also wurde Helga vorübergehend vom Hüttenteam aufgenommen, gepflegt und im Herbst mit dem Hubschrauber ins Tal gebracht.

Helga lebt heute munter und gesund als Brieftauben-Rentnerin in Deutschland.

Ein Jahrzehnt der Veränderungen

Nach neun Sommern erkennen die Pächter auch deutliche Veränderungen im Hüttenleben, wie sie erzählen: „Manches ist leichter geworden, wie das Eindecken der Hütte. Das findet heute per Hubschrauber statt. Rudi ist selbst leidenschaftlicher Pilot und hat vor ein paar Jahren sein eigenes Hubschrauber-Unternehmen ,Sennair‘ gegründet. Auch die Wasserversorgung ist dank einiger Umbauten und Investitionen stabiler geworden. Aber wir erinnern uns gut an Zeiten, als wir in einem heißen Sommer aus Wassermangel die Duschen sperren mussten. Nur das Aggregat ist nach wie vor der einzige Energielieferant der Hütte und wenn hier einmal die Technik streikt, dann wird es stressig im Hütten-Alltag.“ Aber auch die Gäste haben sich über die Jahre verändert, wie Resi bemerkt: „Zwar sind sie heute besser ausgerüstet, haben aber viel weniger Bergerfahrung. Ihr Anspruch an Komfort und an die Gastronomie ist aber stark gestiegen. Es wird hier oben unterm Gipfelkreuz oft die Leistung eines Hotels und die Flexibilität eines Restaurants erwartet. Als Schutzhütte haben wir halt nicht immer laktosefreie Milch auf Lager und der Handy-Empfang hier oben ist nun mal recht schlecht. WLAN gibt es nicht und die größte Sorge scheint manchmal zu sein, dass Handy und IPad an einer der wenigen Steckdosen aufgeladen werden können. Früher war der Bergsteiger froh, ein gutes, warmes Essen, ein Bett und eine Dusche vorzufinden. Was heute in der Planung leichter ist, ist das Übernachtungsgäste reservieren müssen. Früher wurde an schönen Tagen nicht selten ein Notlager in der Hütte eingerichtet. Da lagen dann manchmal in allen Stuben Matratzen und Decken, damit jeder müde Bergsteiger seinen Schlafplatz fand. Das war zwar chaotisch, aber wir hatten immer eine gute Zeit mit den Gästen.“

Glücksmomente

Richtig schlechte Zeiten gab es auf der Hütte eigentlich nie, wie Rudi versichert: „Das langjährige Team war wie eine große Familie. Wir staunten immer wieder über schöne Sonnenauf- und -untergänge. Wenn alle sicher und wohlauf in der Hütte waren, liebte ich auch ein kräftiges Sommergewitter oder auch mal einen Regentag zum Entspannen. Die Jäger und Schafbauern wurden zu guten Freunden, die auch immer helfend zur Stelle waren, wenn es ums Zusammenräumen und Heimpacken ging. Die schönsten Zeiten auf der Hütte waren jedoch vor und nach der Saison, wenn absolute Ruhe herrschte und wir selbst Zeit hatten, die Bergschuhe oder Tourenski auszupacken. Oder Vollmondabende, wenn wir nach dem Hüttenstress in aller Ruhe auf dem Hüttenbankerl noch ein Bier tranken. Das waren echte Glücksmomente, die wir sicher vermissen werden.“ Diese Glücksmomente überwiegen trotz aller Veränderungen und beschwerlichen Herausforderungen des Hüttenlebens. Einig sind sich Resi und Rudi, wenn sie sagen: „Wir werden es vermissen. Das Ingolstädter Haus war unser Baby. Aber die Zeit für eine Rückkehr ins Tal war gekommen.“ Resi erklärt: „Unsere Tochter Stefanie, die schon seit ein paar Jahren mit unserem Sohn das Hotel Neuwirt in Lofer führt, machte uns kürzlich zu glücklichen Großeltern und wir möchten viel Zeit mit unserem Enkelkind verbringen. Wir arbeiten nun im Hotel mit und Rudi widmet sich jetzt auch mehr der Fliegerei. Ich freue mich auf den ersten Sommer im Tal seit neun Jahren. Jetzt haben wir selbst auch mal Zeit zum Wandern – und mit Sicherheit führt uns der Weg öfter hinauf zu Michi, dem neuen Hüttenwirt am Ingolstädter Haus. Wir wünschen ihm, dass es ihm genauso taugt, wie es uns getaugt hat.“

Der neue Hüttenwirt

Der Neue, der ab Sommer 2022 den Schlüssel ins Schloss der Schutzhütte stecken wird, ist den Hüttenwirten nicht unbekannt.

Der 27-jährige aus St. Martin ist ebenfalls Quereinsteiger. In seinem Job als Bauleiter sehnte er sich nach einer Veränderung. In einem Zeitungsartikel las er über einen jungen Hüttenwirt und seine Erfahrungen. Er meint: „Dieser Bericht lies mich einfach nicht los. Immer wieder las ich ihn. Jede freie Minute – Sommer wie Winter – verbringe ich mit Freunden am Berg. Das  Ingolstädter Haus kannte ich von vielen Touren.“ Spontan meldete er sich im Frühjahr 2021 bei den Hüttenwirten und Rudi nahm Michi im Hubschrauber kurz darauf zu einem Versorgungsflug mit aufs benachbarte Riemannhaus. Von dort ging es mit den Tourenskiern weiter zum Übernachten aufs Ingolstädter Haus. „Das war mein Schlüsselerlebnis und ich wusste – ich will Hüttenwirt werden und hier oben, mit dieser grandiosen Aussicht, will ich arbeiten. Ich sagte sofort zu, den Sommer auf der Hütte mitzuhelfen, wo ich enorm viel Erfahrung sammeln konnte. Ich war in der Küche, im Service und half Rudi mit Hausmeister-Tätigkeiten aus. Im August verfasste ich meine Bewerbung an den DAV Sektion Ingolstadt und freute mich enorm, als ich von der Zusage erfuhr. Um weitere gastronomische Erfahrungen zu sammeln, arbeitete ich vergangenen Winter bei Resi und Rudi im Hotel Neuwirt. Schon jetzt kann ich verraten, es kommt auch neuer Schwung in die Küche, neue Dekoration und generell etwas frischer Wind in die Hütte.“

Hüttenklassiker & neue Gerichte

Als leidenschaftlicher Musiker freut sich Michi schon auf zukünftige Hütten-Abende mit der „Zugin“. Seine Instrumente hat das aktive Mitglied der Trachtenmusikkapelle St. Martin bei Lofer natürlich mit auf die Hütte gebracht und die Hüttengäste dürfen sich über die eine oder andere Weise zu Sonnenuntergang freuen. Über die kulinarischen Änderungen verrät Michi lachend: „Pommes wird es auch bei mir keine geben. Die beliebten Hüttenklassiker, wie Kasnockn oder Gröstl, bleiben aber auch bei mir auf der Karte. Doch es wird dem Trend der Zeit und steigenden Ansprüchen der Bergsteiger folgend bei mir auch etwas Veganes und etwas Glutenfreies auf der Karte zu finden sein. Arbeiten auf über 2000 m Seehöhe ist eine große Herausforderung. Aber ich freue mich enorm auf das Aufsperren im Frühsommer. Nach meiner ersten Saison als Hüttenwirt will ich sagen können, dass ich mit meinem Team alle Gäste bestens versorgen und ihnen ein Erlebnis schaffen konnte, das vielleicht den Trubel im Tal für ein paar Momente vergessen ließ.“

DAS INGOLSTÄDTER HAUS

Eigentümer: DAV Schutzhütte der Kategorie I der DAV Sektion Ingolstadt
Lage: im Steinernen Meer/Salzburger Land
Höhe: 2.119 m
Erbaut: 1927-1929
Geöffnet: täglich von Juni bis Oktober
Übernachtung: 115 Betten in Zimmern und Matratzenlagern – Reservierung nötig
Hüttenwirt: Michael Millinger, ingolstaedter-haus.de, facebook.com/ingolstaedterhaus

Zustiege:

  1. Einfach von Weißbach
    Vom Parkplatz Pürzlbach in Weißbach zur Kalbrunnalm und weiter über die Staumauer Diessbachsee auf 1.415 m bis zur Talstation der Materialseilbahn. Am Fuße des Kleinen Hundstod vorbei in insgesamt etwa 4,5 h zum Ingolstädter Haus.
  2. Für Geübte: Talanstieg zum Diessbachsee, danach wie unter 1 beschrieben weiter.
  3. Durchs Wimbachtal zur Wimbachgrieshütte auf 1.326 m und das Hundstodgatterl. (7,5 h)
  4. Vom Königssee in ca. 4 h zum Kärlinger Haus und weiter in 3,5 h zum Ingolstädter Haus.
  5. Von Maria Alm zum Riemannhaus und weiter zum Ingolstädter Haus (6-7 Stunden).
  6. Von Saalfelden über die Peter Wiechenthaler Hütte und weiter durch die Weissbachscharte (ca. 6 h).

Wander-Tipp: Verkürzt den Aufstieg mit Hilfe des Almwandertaxis (almwandertaxi.at), das Euch von Weißbach zur Kallbrunnalm bringt. Oder nutzt den AlmErlebnisBus (almerlebnisbus.com), welcher Euch autofrei zur Abzweigung Kallbrunnalm bringt und die Wanderung um 1 Stunde verkürzt.

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